Historie

Das seit Januar 2024 als GRENDTheater bekannte freie professionelle Theater spielt seit Gründung des GREND Kulturzentrum 1996 in Essen-Steele – davon knapp 28 Jahre unter seinem Gründungsnamen Theater Freudenhaus.

Bereits mit seiner ersten Produktion “Freunde der italienischen Oper” im Jahre 1996, machte sich das Theater Freudenhaus überregional einen Namen und etablierte quasi ‘über Nacht’ ein neues Genre: die Ruhrgebietskomödie.
Der Gewinn des renommierten Festivals Theaterzwang und über 700 ausverkaufte Vorstellungen seither, haben “Die Oper” längst zu einem sehr vitalen Stück Revierkult gemacht – einem Muss für alle Liebhaber des Ruhrgebiets und jene, die es erst noch werden wollen.

Neben der legendären Familie Kopleck, die auch in den Nachfolgeproduktionen “Die Indianer vom Revier”, “Koplecks im Klinsch”, “Ein Kopleck geht fremd” und “Koplecks gehen am Stock” äußerst erfolgreich die Bretter betreten hat- bevölkern seit 30 Jahren ungezählte Charaktere jenseits von Goethe und Shakespeare unsere Bühne:
Friseure und Frisierte, Büdchenbesitzer und Büdchenbesucher, Migranten, Millionäre, Metzgereifachverkäuferinnen, Ex-Opelaner, Fahrkartenkontrolleure, Witwen, Investoren, Sekretärinnen, Großeltern und Großmäuler und und und… Und seit 2010 sogar ein Bundeskanzler.

Das „Theater Freudenhaus“ zeigt das Leben an Emscher und Ruhr so, wie es wirklich ist: bunt, vielfältig und manchmal eben auch ein bisschen „schräg“…
Verantwortlich für den unverwechselbaren Tonfall unser Bühne sind dabei – neben der „Stimme des Reviers“ Sigi Domke – mit Markus Andrae, Lore Duwe-Scherwat und Markus Beutner-Schirp selbstverständlich Autoren von und für hier.

Im Laufe einer konzeptionellen Neu-Ausrichtung von 2020-2023 wurden unter der Künstlerischen Leitung von Rainer Besel neue Formate und Themen für das Theater erschlossen. Nach dem Leitungswechsel im August 2023 wurde unter der neuen Künstlerischen Leitung von Felix Sommer das Theater am 26. Januar 2024 in GRENDTheater umbenannt, um somit die Verbundenheit mit dem Gesamthaus und die nicht mehr allein an die Ruhrgebietskomödie gebundene inhaltlich-künstlerische Ausrichtung zu unterstreichen.
Der Name Theater Freudenhaus lebt jedoch weiter: mit “Freudenhaus Klassiker” kennzeichnen wir in unserem Spielplan all die Produktionen, die den Geist und die Traditionen des Theater Freudenhaus lebendig halten.

Bereits in seiner ersten Spielzeit 2023/24 setzte Felix Sommer neue Akzente mit den Verlagswerken “König Ödipus” nach Sophokles von Bodo Wartke und “Die Känguru-Chroniken” von Marc-Uwe Kling sowie neuen Formaten wie z.B. dem musikalischen Saisonabschluss “MIXTAPE”.

Chronik

  • 1985 Gründung des Trägervereins Zimmertheater in Essen e.V. (Die Eintragung im Vereinsregister als Freudenhaus – Zimmertheater in Essen e.V. wird abgelehnt , da laut Amtsgericht Essen “Der Vereinsname nicht geeignet sein darf, über die Art und und den Zweck des Vereins Täuschungen hervorzurufen.”)
  • 1986 Gründung und Eröffnung des Theater Freudenhaus. Erste Spielstätte wird ein ehemaliges Papierlager an der Goethestraße in Essen-Rüttenscheid.
  • 1992 Nach internen Konflikten kommt es zur Trennung, ein Teil des Ensembles bleibt in den Räumen in der Goethestraße und gründet dort das Theater Courage, der andere Teil behält den Namen Theater Freudenhaus und sucht fortan eine neue Spielstätte.
  • 1993 – 1996 Das Theater Freudenhaus ist ein Theater ohne eigenes Haus. Diverse Produktionen (zumeist Kindertheater) an unterschiedlichen Orten.
  • 1996 Mit Eröffnung des GREND Kulturzentrum in der alten Rektoratsschule in Essen-Steele am letzten September-Wochenende hat das Theater Freudenhaus endlich wieder eine feste Heimat. Am Eröffnungswochenende haben mit “Atlantik” und “Freunde der italienischen Oper” gleich zwei Stücke Premiere.
  • 2006 Auflösung des bisherigen Trägervereins Zimmertheater in Essen e.V. und Übernahme der Trägerschaft des Theaters durch den Verein Kulturzentrum GREND e.V.
  • 2020 Beginn der konzeptionellen Neuausrichtung des Theater Freudenhaus: Neue Themen und Formate abseits der Ruhrgebietskomödie erweitern das Repertoire.
  • 2024 Umbenennung des Theaters in GRENDTheater.

Mitbegründer und Namensgeber des Theater Freudenhaus war Thomas Koppelberg, der 1998 verstarb. Ein Nachruf.

Thomas Koppelberg
29.01.1957 – 04.10.1998

Vor mehr als 25 Jahren, am 04.10.1998 starb Thomas Koppelberg, auch bekannt als “Schnulli Pötterbote”, viel zu jung mit gerade einmal 41 Jahren. Neben vielem Anderen – Szene-Original, Musiker, begnadeter Villon-Interpret – war er Mitbegründer, langjähriger Schauspieler und Namensgeber des Theater Freudenhaus.

An dieser Stelle wollen wir an ihn erinnern, mit den Bildern oben und einem Text, den Bov Bjerg anlässlich der Beerdigung verfasst hat und den wir mit freundlicher Genehmigung des Autors hier wiederveröffentlichen.

Mama macht dir Liebes ganz viel Pudding und auch Bier

Die Beisetzung von Thomas “Schnulli” Koppelberg in Essen-Steele

Der Sarg ist viel zu kurz und viel zu hoch. – Särge sind immer viel zu kurz und viel zu hoch. Und immer furchtbar häßlich. Immer dieses Klobige. Wohnzimmerschrankwand, eichenfurniert. – Daneben eine Gitarre aus Blumen, ein Rednerpult. Daß Koppelberg nicht bestechlich gewesen sei, sagt der Mann in der schwarzen Lederjacke, weder durch Geld noch durch Ruhm. Der klagende Singsang enttarnt ihn als Pastor. Die Einsegnungshalle ist viel zu klein.

Sechs hagere, steinalte Männer stehen am Grab. Schwarze Zylinder über Leichenbittermienen. Sie seilen den Sarg in die Grube ab. Nehmen die Röhren vom Kopf, halten sie waagrecht vor den Bauch und verneigen sich simultan. Die weißen Handschuhe werden abgestreift, sie wandern von Hand zu Hand bis zum Dienstältesten, der wirft sie hinunter.

Plötzlich steht er da, am Rand seines eigenen Grabes, und äfft seine Sargträger nach. Zieht die Mundwinkel nach unten bis zum Schlüsselbein: der Gram. Wirft das Kinn nach oben: die Würde. Zuckt, während er imaginäre Handschuhe abstreift, mit den Nasenflügeln: die Pietät.

So spielte er den vorgeblichen Amtsarzt in der Irrenhauskomödie “Zwei Drittel spielt verrückt”. Und den Ausrufer, den Erzähler zwischen den Szenen. Den, der am Schluß des Stückes sang: “Wenn ich hier jetzt raus komm, wo gerat ich rein? Wir gehn alle zusammen raus, und doch geht jeder für sich allein.”

Einzeln treten wir ans Grab. Der Sargdeckel ist kaum noch zu sehen. Hier, diese Rose ist von Hans, und die da soll ich dir von Uwe bringen. Nee, Schnulli, äff´ mich jetzt bitte nicht nach, sonst muß ich noch lachen. Ich mach doch schon so undramatisch wie´s geht. Hier, das da ist von mir. Nein, ich fall schon nicht rein.

Auf dem Kiesweg Frauen, die die Zähne zusammenbeißen. Harte Szenemänner mit roten, verheulten Gesichtern. Wie viele Jahre hat er eigentlich Villons “Testament” gespielt? Im Kreuzberger Hoftheater, später im Acud. Auf Tour in ganz Deutschland. Wie viele Revolutionen hat er eigentlich damit ausgelöst? Was, keine? Und Kopulationen? Na also. Weinflaschen kreisen. Erinnert ihr euch an den Schluß? “Ein edler Falke biß ins Gras. Doch wißt ihr, wie er sich empfahl? Vom Roten trank er noch ein Glas, eh er verließ dies Jammertal.”

Freitagnachmittag auf dem Friedhof in Essen-Steele. Anfang der Woche, am 4. Oktober, ist Thomas Koppelberg an Krebs gestorben, 41 Jahre alt. Das ist “kein Alter”, sagen die einen. Die andern sagen, daß er für zwei gelebt hat, wenn nicht für drei. Jetzt ist er begraben. Und die, die übrig bleiben, können sich nur noch an die Erinnerung und an seine Platten halten: “Ich reim euch was ins krumme Kreuz, ich sing euch was ins Hemd, bis ihr Rotz und Wasser heult und endlich euren Wert erkennt.”

Bov Bjerg, 1998