Zwischen Weltenschmerz und Wortwitz – 30 Jahre Grend, und die Welt ist noch immer nicht fertig
Ein Abend voller Haltung, Herz und hintersinniger Heiterkeit im Essener Kulturzentrum Grend
Dreißig Jahre Grend. Drei Jahrzehnte Kultur, Begegnung, Musik, Theater und die schöne, manchmal auch ziemlich anstrengende Erkenntnis, dass die Welt nicht unbedingt besser wird, wenn man sie einfach ignoriert. Das Kulturzentrum Grend in Essen feiert Geburtstag – und tut das auf eine Weise, die zum Nachdenken einlädt: mit Menschen, Geschichten, Gedichten und einer gehörigen Portion Widerstand gegen die Gleichgültigkeit.
Heute stand eine politische Dialoglesung auf dem Programm. Mit den Autorinnen der Essener Anthologien, darunter auch die Grillonen Irem Yilmaz und Sasha Djoleo, und dem bekannten Satiriker und Autor Thomas Gsella. Ein Abend, an dem die Literatur nicht in ihrem Bücherregal sitzen blieb, sondern hinausging ins wirkliche Leben. Dorthin, wo es manchmal wehtut, wo Menschen einander fremd werden und wo die Hoffnung gelegentlich dringend eine sprachliche Nachhilfe benötigt.
Begrüßt wurden die Gäste von Gemma Russo-Birke, der Geschäftsführung des Kulturzentrums Grend. Eine herzliche Eröffnung für einen Abend, der zeigte, dass Kultur weit mehr sein kann als ein schöner Zeitvertreib zwischen Feierabend und Wochenende.
Dr. Artur Nickel führte anschließend in das Projekt der Essener Anthologien ein. Ein Projekt, das jungen Menschen eine Stimme gibt und ihren Gedanken einen Raum, in dem sie gehört werden können. Denn wer schreibt, nimmt sich das Recht, die Welt nicht einfach so hinzunehmen, wie sie gerade geliefert wird. Und wer liest, muss sich womöglich mit Gedanken beschäftigen, die sich nicht bequem wegwischen lassen.
Wenn junge Stimmen die großen Fragen stellen
Migration, Schule, Identität, Einsamkeit, Generationenkonflikte, Flucht und das Ruhrgebiet: Die Autorinnen hatten sich nichts Geringeres vorgenommen als das Leben selbst. Und das ist bekanntlich ein ziemlich umfangreiches Thema, bei dem selbst die erfahrensten Politikerinnen und Politiker gelegentlich den Überblick verlieren.
Ihre Texte erzählten von persönlichen Erfahrungen, von Beobachtungen und Gefühlen, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, von der Suche nach dem eigenen Platz in einer Welt, die gerne Schubladen aufstellt, aber selten passende Schlüssel mitliefert.
Die jungen Autorinnen schrieben über das, was sie bewegt. Über das, was sie sehen, erleben, hinterfragen und manchmal auch kaum ertragen können. Ihre Texte machten deutlich: Hier sitzen keine jungen Menschen, denen das Weltgeschehen gleichgültig wäre. Hier sitzen Menschen, die sich Gedanken machen, die hinschauen, die widersprechen und die versuchen, für das Unübersichtliche Worte zu finden.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften dieses Abends: Junge Menschen sind nicht bloß die Generation, über die Erwachsene gerne reden. Sie sind die Generation, die selbst etwas zu sagen hat.
Irem Yilmaz und Sasha Djoleo, die beiden Grillonen, fügten sich mit ihren Beiträgen in diese vielfältige literarische Auseinandersetzung ein. Ihre Stimmen standen stellvertretend für eine junge Generation, die nicht darauf wartet, dass die Welt irgendwann von allein verständlicher wird.
Sie schreibt sich ihre Fragen von der Seele. Und manchmal auch ihren Zorn.
Thomas Gsella: Wenn der Wahnsinn reimt und die Satire zurückschlägt
Mit Thomas Gsella bekam dieser literarische Dialog einen Gesprächspartner, der weiß, wie man der Wirklichkeit mit spitzer Feder begegnet. Als Satiriker und Autor brachte er Gedichte aus seinem Repertoire mit, die die Themen der jungen Schreibenden aufgriffen, ergänzten, unterstrichen und aus einer anderen Perspektive beleuchteten.
Wo die jungen Autorinnen ihre persönlichen Erfahrungen und Gefühle in Worte fassten, begegnete ihnen Gsella mit der Kraft der Satire: mit sprachlicher Präzision, hintersinnigem Humor und jenem besonderen Blick auf die Absurditäten des gesellschaftlichen Lebens, der einem das Lachen manchmal im Halse stecken lässt.
Denn Satire ist nicht einfach nur lustig. Sie ist der Moment, in dem man lacht und sich im nächsten Augenblick fragt, warum man eigentlich lacht. Sie hält der Wirklichkeit einen Spiegel vor – und manchmal möchte man diesen Spiegel am liebsten umdrehen.
Gerade im Zusammenspiel mit den Texten der jungen Autorinnen entstand so ein Dialog zwischen unterschiedlichen Generationen und literarischen Ausdrucksformen. Hier die unmittelbare, persönliche Sprache junger Menschen, dort die zugespitzte Beobachtung eines erfahrenen Satirikers. Gemeinsam kreisten sie um die großen Fragen unserer Zeit.
Wie begegnen wir Menschen, die anders sind? Was bedeutet Heimat? Wie gehen wir mit Einsamkeit um? Was verbindet die Generationen – und was trennt sie? Und wie viel politische Wirklichkeit passt eigentlich in ein Gedicht, bevor selbst der Reim die Flucht ergreift?
Die Antwort des Abends war nicht die eine große Erklärung. Sie war viel lebendiger: zuhören, nachfragen, lachen, widersprechen und weiterdenken.
Vom Zuhören zum Mitreden
Auch nach den Lesungen blieb der Abend nicht bei der Rolle des Publikums als stiller Zuhörerschaft stehen.
Im anschließenden Austausch stellten die Gäste Fragen an Thomas Gsella und die Autorinnen. Es ging um die angesprochenen gesellschaftlichen Themen, aber ebenso um den Schreibprozess selbst. So wurde aus der Lesung ein Gespräch, aus dem Gespräch eine Begegnung und aus der Begegnung vielleicht die eine oder andere neue Idee.
Es zeigte sich, dass Literatur keine Einbahnstraße ist. Sie beginnt beim Schreiben, setzt sich beim Lesen fort und wird im Gespräch zu etwas Gemeinsamen. Ein schöner Gedanke – gerade in einer Zeit, in der viele lieber übereinander sprechen als miteinander.
Und während draußen die Welt weiterhin ihre täglichen Zumutungen produziert, wurde im Grend etwas getan, das unspektakulär klingt und doch keineswegs selbstverständlich ist: Menschen hörten einander zu.
Ohne dass jemand vorher die Welt retten musste. Aber immerhin mit dem Versuch, sie ein wenig besser zu verstehen.
Dreißig Jahre Grend – und kein bisschen gleichgültig
Was bleibt von diesem Abend?
Die Erinnerung an junge Autorinnen, die ihre Gedanken und Gefühle mit anderen teilten. An einen Satiriker, der den gesellschaftlichen Widersinn in Verse fasst. An Veranstalter, die Begegnungen ermöglichen. Und an Gäste, die nicht nur gekommen waren, um Kultur zu konsumieren, sondern sich einzumischen – mit Fragen, Gedanken und Interesse.
Dreißig Jahre Grend bedeuten auch dreißig Jahre Räume für solche Begegnungen. Räume, in denen Kultur nicht bloß Dekoration ist, sondern eine Möglichkeit, Gesellschaft zu gestalten. In denen unterschiedliche Stimmen nebeneinanderstehen dürfen und niemand erst eine abgeschlossene Weltanschauung vorweisen muss, um mitreden zu können.
Vielleicht ist das in Zeiten der politischen Polarisierung schon eine bemerkenswerte Leistung: nicht alle derselben Meinung zu sein und trotzdem miteinander im Gespräch zu bleiben.
Und wenn dabei auch noch Gedichte und Geschichten entstehen, die zum Lachen, Nachdenken und gelegentlich zum Widerspruch reizen, dann hat die Literatur ihren Auftrag für diesen Abend mehr als erfüllt.
Ein herzliches Dankeschön an die Veranstalter, an alle Gäste und ganz besonders an die jungen Autorinnen der Essener Anthologien sowie an Thomas Gsella. Danke für die Offenheit, die Gedanken, die Worte und den Humor. Danke dafür, dass hier nicht nur über junge Menschen gesprochen wurde, sondern dass sie selbst zu Wort kamen.
Und dem Grend: Alles Gute zum 30. Geburtstag! Mögen noch viele Jahre folgen, in denen Kultur den Finger in die Wunde legt, das Herz berührt, den Kopf beschäftigt und dem Wahnsinn dieser Welt wenigstens gelegentlich einen Reim entgegensetzt.
Denn wenn die Welt schon verrücktspielt, sollte man ihr wenigstens gelegentlich ein Gedicht, eine Geschichte vorlesen.
Hacer Akgün (24.9.2026)


